Veit Noll: Einige Anmerkungen zur Grundstruktur von Goethes Iphigenie

Am 6. April 1779 erlebte Goethes Prosadichtung Iphigenie die Uraufführung im Weimarer Gesellschaftstheater. Auf die verschleiernde griechische Kostümierung legte Goethe bekanntlich besonderen Wert. Ursprünglich wollte er das Stück zu seinen Lebzeiten niemals in den Druck geben. Charlotte von Stein nahm an der Aufführung nicht teil und verübelte Goethe die öffentliche Darstellung. Im Kontext von Goethes Flucht aus Weimar im Jahr 1786, die zu seiner Italienreise wurde, entschied er sich allerdings auch zur Publikation gerade dieses Stückes in der achtbändigen Ausgabe seiner Schriften bei Göschen 1787-1790, speziell in Band 3.

Nach dem ersten Anschein kann man sich, wenn Goethe in seinem Stück Iphigenie einerseits die Göttin Diana und andererseits Orest aus dem Geschlecht des Tantal auf der Insel des Thoas erscheinen lässt, nicht viel bei Diana und Tantal denken. Orest, Iphigenie und Thaoas scheinen allein die Hauptakteure zu sein. Die tiefgreifende konkrete Thematik, ihr substantieller Konflikt, wird allerdings deutlicher, wenn man eben genau die Göttin und das Geschlecht des Frevlers Tantal hinterfragt.

Laut Hederichs Gründliches mythologisches Lexikon - welches auch Goethe nutzte - ist die Göttin Diana nicht nur die Göttin der Jagd, vielmehr brachten ihr die Jungfrauen im alten Griechenland unmittelbar vor ihrer Heirat ein Opfer dar. Ein Schutz der Ehe kann aus dieser Opfergabe, diesem Ritus, abgeleitet werden. Des weiteren legen auch Bilder aus der Zeit des 17./ 18. Jahrhunderts nahe, dass die antike Diana als Schützerin von Recht und Moral galt. Sie wirkt wie eine Vorläuferin der Justitia. So wurden Streitfälle vor ihrem Bildnis abgehandelt. Sie strafte auch die verbrecherische Chione für ihr ungebührliches Verhalten mit Apoll und Merkur. Chione verführte erst den einen und dann den anderen in einer Nacht und brachte Zwillinge, zwei göttliche Kinder, zur Welt. Im 18. Jahrhundert war der außereheliche Beischlaf ein `fleischliches Verbrechen´ und wurde im Allgemeinen für die Weibsperson mit den `Hurenstrafen´, also der Kirchenbuße, der Staupenstrafe (öffentliches Auspeitschen am Pranger) und der Verweisung aus dem Gerichtsbezirk, d. h., der Vertreibung in die Heimatlosigkeit, geahndet bzw. bedroht. In der Sichtweise des 18. Jahrhunderts kann man mit der Göttin Diana demnach den Schutz vor oder die Ahndung von Ehebruch oder außerehelichem Beischlaf verbinden.

Der Diana stand Orest aus dem Hause des Tantal gegenüber, Orest-Pylades sollten ihr Bild rauben. Goethe bekennt später, dass er die Iphigenie wohl nie geschrieben hätte, wenn er den Tantal genau ausdifferenziert hätte, denn er hatte gedanklich Tantal, Ixion und Sysiphos miteinander vermischt. Ixion wollte mit der Ehefrau von Zeus, der Juno, die Ehe brechen. Bildnisse aus der vor Goethe bereits vergangenen Zeit geben zur gedanklichen Vermischung der drei Genannten durchaus Anlass, denn der hungrige Tantal wurde auch damit bestraft, dass er einen Apfel, am Baum vor ihm hängend, nicht erlangen konnte - sobald er sich darum bemühte, wich der Apfel. Bei dem Symbol des Apfels denken wir an Evas Verführung von Adam. Tantals Geschlecht selbst ist nach der mythologischen Geschichte tatsächlich ein solches von Verbrechern und Ehebrechern. Einer entführte ein Mädchen als Braut ohne Zustimmung ihres Vaters. Orests Mutter beging Ehebruch. Als Orest aus Rache für seinen Vater seine Mutter und ihren Liebhaber tötete, ging nach Goethes Iphigenie der Geist der Mutter, also der des Ehebruchs, in ihn ein. Eben mit diesem Geist des Wahnsinns, begegnete Orest der Iphigenie. Der beabsichtigte Raub des Bildes der Diana durch den wahnsinnigen Orest beinhaltet also nichts anderes als den Geist des Ehebruchs. Im 18. Jahrhundert wurde auf einen solchen Frevel verschiedentlich noch die Todesstrafe mittels Schwert angedroht. Der Wahnsinn hat also ganz reale Bezüge.

Das Spannungsverhältnis zwischen Diana und Tantal in der Person des Orest löst sich, indem er vom Wahnsinn befreit, Iphigenie als seine Schwester erkennt oder besser anerkennt. Das geschwisterliche Verhältnis schließt den Ehebruch, die rechtswidrige Intimität mit Iphigenie aus. Thoas wird insoweit um Verzeihung gebeten.

Literaturhinweis: Veit Noll: Goethe im Wahnsinn der Liebe, Bd. 1, Die Flucht 1786. Forschungsverlag Salzwedel 2014.

Bilder aus Goethes Erstausgabe der Iphigenie in Goethes Schriften bei Göschen 1787:

Goethe nahm in seinen Schriften einige wenige Bilder oder Vignetten auf. Speziell zur Ausgabe der Iphigenie sind die nachfolgenden Kupferstiche bemerkenswert. 

1. Der gedoppelte Orest-Pylades wird nach der Ankunft auf der Insel vorgestellt. Iphigenie zeigt anstatt priesterlicher Würde eine weiblich-interessierte Neugier. Die Bildsäule der Diana, ebenso als aufmerksame Frau dargestellt, weist mit ihrer Hand auf sich selbst: Nimm mich!

2. Orest tötet seine Mutter Klytemnestra. Der Geist des Wahnsinn ihres Ehebruchs geht in ihn ein. Die Rachegöttin führt die Schlange in seine Richtung.

3. Die Befreiung vom Wahnsinn: der Geist des nackten Schwertes, der Verführung durch Schlangen weicht. D. h., das nackte Schwert geht ins Leere, die Schlangen entweichen in Rückkehr zu den Rachegöttinnen. 

 

26. Mai 2015/ 8. Juni 2015

P.S. In dem Stück Proserpina erfasst Goethe den Tantalus wie folgt: "Armer Alter! für gereiztes Verlangen gestraft!"